Michael in Stadtnotizen am 31. August 2009, 14:54 62 Kommentare »
Die Abkürzungen haben es in sich in Berlin – und lassen Rückschlüsse auf soziale und geographische Herkunft des Verwenders zu. Außerdem kann man daran manchmal die Ost- oder West-Abstammung erkennen, und wie lange sich ein Zugezogener ungefähr in der Hauptstadt schon aufhält. Ein bisschen ethnologische Forschung muss ja sein!
Der Berliner, egal aus welchem Bezirk, kennt keine Diminutive, keine Verniedlichungen wie zum Beispiel das Rheinische, bleibt hart in der Sprache und wenig blumig, eher deftig-direkt. Die nachfolgenden Abkürzungen sind eher eine nachwendianische Entwicklung, durch vermehrte nationale wie internationale Bevölkerungszuzüge haben sich diese Ortsbezeichnungen eingeschlichen.
DISCLAIMER:
Im folgenden habe ich die Abkürzungen aus meiner Sicht bestimmten, typischen Menschen zugeschrieben, also VORSICHT!: 1. subjektive Eindrücke, 2. es kommt zur Verwendung von Beschreibungen, die als Vorurteil empfunden werden können, und 3. es erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit…;-)
Wittenbergplatz: “Ich muss am Witti umsteigen” – junge Schwäbin, die in Charlottenburg wohnt und gern in der Marheineke-Markthalle und in der Bergmannstraße einkaufen und essen geht, weil das so authentisch ist…
Nollendorfplatz: “Am Nolli sind die ganzen coolen butchen Gay-Bars” – Jung-Schwuli aus dem Rheinland (zumeist Köln), der in Schöneberg wohnt, aber nicht am Nollendorf- Winterfeldtplatz, sondern Richtung Südkreuz, da ist es billiger, und mann wird nicht jeden Tag von Versuchungen umgeben .
Helmholtzplatz: “Ich geh noch mal schnell am Helmi zum Tier-Bioladen” – alleinerziehende Mutti aus Franken, Schwaben oder Hessen mit Bio-Katze, einem 5jährigen vom Ex (Papi X) und dickem Bauch (7. Monat) von Papi Y, beide zahlen.
Kottbusser Tor / Görlitzer Park: “Ey Alta, wo hassn dit Jrüne Piece am Lager zu stehn, am Kotti oder im Görli? Ey, mach ma hinne, ick brauch wat, aba dalli!” – zugezogener männlicher Junki Mitte 40 aus Westfalen oder Frankfurt/Main, der aus Kosten- und Nahversorgungsgründen (bequemer!) seine neue Heimat (vor 20 Jahren) zwischen Kottbusser Tor und Görlitzer Bahnhof/Park gewählt hat .
Zoologischer Garten: “Mir is dit schnuppe, ob die Züje am Zoo-ologischen halten” – echter Westberliner mit eigenem Auto.
Alexanderplatz: “Ditte hast du am Alex jekooft?” – echter Ostberliner (Westberlin: dit ohne t und e), ungläubig darüber, dass es am Alex immer noch bezahlbares zu kaufen gibt.
Prenzlauer Berg: “Prenzl’berg ist sehr sehenswert und alternativ, lassen Sie sich von mir die schönen Straßen mit Boutiquen und kleine Kaffee-Lounges zeigen” – bayerische (Regenburger, Augsburger) Fremdenführerin, die ihre betuchte Frauengruppe in den frühen 40ern zwischen Kinderwagen und Latte-Macchiato-Bars am Kollwitzplatz vorbei zu den kleinen Geschäften führt (gegen Umsatzbeteiligung). Abgesehen davon klingt Prenzl so wie Pretzl, das heisst Brezel auf Englisch. Sehr mondän-international eben.
Kreuzkölln: “Ich wohne in Kreuzkölln (ein Szenebezirk!), da ist es echt ethno, krass billig und witzig” – junger endzwanziger Mann, aus westdeutschen Provinzen stammend, der nach Prollkölln gezogen ist, aber eigentlich gerne in Kreuzberg leben würde (frei nach unserem Leser Prokrastes in einem Kommentar am 06.08.), wo es aber keine bezahlbare Wohnung mehr gab .
Brandenburger Tor: “Das Brandi ist viel kleiner als ich dachte” – Berlin besuchender Tourist aus Überall-Deutschland, glücklich, am Pariser Platz zwischen darbietenden Künstlern, Botschafts-Wachpersonal und ausländischen Touristen ein Foto vom Tor gemacht zu haben .
Oberbaumbrücke: “Die OBB ist echt die schönste Brücke in Berlin” – wahrscheinlich aus Nieder-Österreich stammender Tourist (ÖBB ist die Österreichische Bundesbahn, und wer sieht und hört schon die Pünktchen), der mit Tourist Guide unter dem Arm versucht, irgendetwas wirklich aufgeräumt Schönes in Berlin zu entdecken.
Potsdamer Platz: “Am Potsi ist immer was los, und leckeres Eis gibt es dort, stand auch im Feinschmecker” – Neu-Zugezogene und Touristen, die im Berlin-Guide im Pocket-Format die 10 wichtigsten Berlin-Highlights abarbeiten .
Wer noch mehr Abkürzungen kennt – bitte in den Kommentar schreiben!